Wie wilde Kaffeearten den Erhalt der Kaffeelandwirtschaft sichern können

Landschaft in Timor-Leste

Arabica und Robusta: Diese beiden Kaffeearten kennt vermutlich jeder. Aber habt ihr schon mal von Liberica, Stenophylla oder Mauretania gehört? Es sind drei der 130 uns bekannten Kaffeearten weltweit, die genauso die rote süße Kaffeekirsche hervorbringen wie Arabica und Robusta. Nur wurde sich bis jetzt kaum damit befasst. Das möchten Timothy und Sophie ändern. Mit HyCoffee bringen sie den Kaffeekonsument:innen wilde Kaffeearten näher und werben für mehr Artenvielfalt beim Kaffee. Warum das vor allem für den langfristigen Erhalt unseres Lieblingsgetränkes essenziell ist, hat Timothy mir in unserem Interview verraten. 

Wilde Kaffeearten
Auf den ersten Blick ist kein Unterschied zu erkennen, aber diese Kaffeepflanzen wachsen wild auf der Insel Timor-Leste.

Wie sieht der Kaffeemarkt aktuell aus?

Aktuell dominieren zwei Kaffeearten den Weltmarkt: Arabica und Canephora. Letztere ist unter dem Begriff Robusta besser bekannt. Sie teilen sich den Markt ungefähr in einem Verhältnis von 70 zu 30 auf. Vor allem Arabica benötigt bestimmte klimatische Bedingungen, um gut zu gedeihen. Sie wird in Höhenlagen ab 1000 Meter angebaut, da hier die Temperaturen nicht über 25 Grad Celsius steigen. Der Klimawandel sorgt aber mittlerweile dafür, dass es auch in höher gelegenen Anbaugebieten immer wärmer wird und der Niederschlag sich verändert.

Robusta wächst am besten ab 600 Meter und kann durchaus höhere Temperaturen gut vertragen. Sie ist auch aufgrund ihres höheren Koffeingehalts besser gegen Schädlingsbefall gewappnet. Das Koffein wirkt wie ein natürliches Pflanzengift gegenüber Schädlingen.

Warum ist es wichtig, sich mit weiteren Kaffeearten zu beschäftigen?

Ein Artikel, der 2014 bei Springer Nature erschien, warnte damals schon vor den Auswirkungen des Klimawandels auf die Kaffeepflanze: “Kaffee hat sich als sehr empfindlich auf den Klimawandel erwiesen. Da Kaffeeplantagen eine Lebensdauer von etwa dreißig Jahren haben, sind die wahrscheinlichen Auswirkungen des zukünftigen Klimas bereits besorgniserregend. Vorausschauende Anpassungsforschung ist daher über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg gefragt.”

Da unser Klima sich drastisch verändert, geht man aktuell davon aus, dass bis 2050 mindestens 50% der aktuellen Anbaufläche für Kaffee nicht mehr brauchbar sein wird. Eine dramatische Veränderung, da Kaffee das Einkommen von über 125 Millionen Menschen weltweit sichert. 

Kaffee Kooperative in Timor-Leste
Kaffee ist die Lebensbasis sehr vieler Menschen weltweit, insbesondere im globalen Süden.

Was sind wilde Kaffeearten?

Wilde Kaffeearten sind die, die nicht kommerziell kultiviert werden. Das bedeutet, dass aktuell rund 98% aller Kaffeearten weltweit wild sind. HyCoffee hat nun begonnen, diese Arten zu finden, zu erforschen und sie in agroforstwirtschaftlichen Systemen anzupflanzen. Dabei nutzen sie auch Varietäten der bekannten Kaffeearten, wenn diese besondere Eigenschaften in Bezug auf Klimaresilienz aufweisen. 

Ihr Pilot Projekt ist der Hibrido de Timor, ein Hybrid aus Arabica und Robusta, der auf der Insel Timor-Leste wächst. Hierbei wurden die Pflanzen aber nicht künstlich gekreuzt, sondern es handelt sich um eine sogenannte spontane Kreuzung, die bereits 1930 auf der Insel entdeckt wurde. Der Kaffee wächst auf Timor-Leste wild in Wäldern und an Berghängen. Es werden keine Pestizide oder Dünger eingesetzt, sodass man hier den vielleicht natürlichsten und ökologisch nachhaltigsten Kaffee weltweit ernten kann. Zum Thema Anbau sagte mir Timothy: “Die Art des Anbaus ist genauso wichtig wie die Pflanze. Die Pflanze an sich löst das Problem nicht. Es ist wichtig, dass wir den Anbau zum Beispiel auf Mischkulturen oder agroforstwirtschaftliche Systeme umstellen.”

Was macht HyCoffee genau?

Durch ihren Hintergrund in der Forschung haben Sophie und Timothy ihre Idee mit Wissenschaftlern aus den Bereichen Landwirtschaft und Klimawandel besprechen können und auch hier die Bestätigung erhalten, dass es zwangsläufig nötig sein wird, dass wir unseren Kaffeekonsum umstellen. Über HyCoffee suchen sie nun den direkten Zugang zu den Konsument:innen, um über das Thema zu sprechen, auf Alternativen aufmerksam zu machen und auch direkt eine anzubieten.

Die beiden Kaffees, die aktuell verfügbar sind, gehören beide zur Kaffeesorte Hibrido de Timor, kommen aber von zwei verschiedenen Kooperativen aus der Region Emera. In Berlin wurden die Kaffees auf unterschiedliche Weisen geröstet: Der Kaffee der Kooperative Hatuhei wurde zu einer hellen Röstung verarbeitet. Die dunkle Röstung wurde von den 11 Kleinbauern und Kleinbäuerinnen der Koooperative Cristo Liurai geerntet und aufbereitet.

Bergregion in Timor-Leste
Ein Eindruck vom Inselstaat Timor-Leste.

Neben HyCoffee gibt es aktuell in Deutschland tatsächlich kein Kaffeelabel, dass sich auf wilde Kaffeearten spezialisiert hat und sich so intensiv mit dem Thema Klimaresilienz des Kaffees auseinandersetzt. Timothy hat mir verraten, dass es im englischsprachigen Raum anders aussieht: “Ich glaube, dass das ein Riesen Thema werden wir in den nächsten Jahren. Das sieht man in der englischen Presse und auch der Fachliteratur. In vielen großen Zeitungen wie dem Economist, der New York Times oder der Financial Times spricht man darüber, was der Klimawandel mit unserem Kaffee macht. Die Fragestellung ist im deutschsprachigen Raum noch nicht angekommen, aber das wird sie demnächst.”

HyCoffee ist seit knapp einem Jahr am Markt und verkauft seinen Kaffee bisher auf Berliner Märkten und in ihrem Online Shop. In Zukunft werdet ihr HyCoffee vielleicht auch in Spezialitäten Geschäften entdecken. Vorher könnt ihr sie aber auf Märkten in Berlin diesen Sommer wieder treffen und euch dort direkt bei Timothy und Sophie zu dem Thema informieren und euch austauschen. 

Sophie und Timothy von HyCoffee
Timothy und Sophie sind im Sommer wieder auf Berliner Märkten anzutreffen.

Zu der Frage, was HyCoffee für Zukunftspläne hat, verrät mir Timothy: “Sophie ist aktuell in Uganda, um dort vielleicht ein oder zwei klimaresiliente Kaffeearten zu finden. Viele Gebiete in Sub-Sahara Afrika sind sehr interessant für wilde Kaffeearten. Sie werden dort bereits in kleineren Mengen geerntet und noch nicht kommerziell genutzt. Wir prüfen jetzt erst mal das Potenzial vor Ort. Ende des Jahres wird Bilanz gezogen, um zu schauen, inwiefern sich dieses Pilotprojekt fortführen und erweitern lässt.“ 

Wie kann die Zukunft des Kaffees aussehen?

Wir müssen uns klar machen, dass es wie immer hochkomplex ist, eine nachhaltige Lösung für Mensch und Umwelt zu finden. Es fließen viele Aspekte in die Rechnung mit ein. Mir hat das Gespräch mit Timothy eine neue Perspektive gegeben. 

Ich betone immer wieder, dass direkt gehandelter Kaffee das wichtigste für mich ist, damit die Menschen am Anfang der Wertschöpfungskette unter guten Bedingungen arbeiten und leben können. Wenn diesen Menschen aber eines Tages ihr Produkt buchstäblich wegstirbt, weil es dem Klimawandel nicht standhält, dann sind die guten Handelsbeziehungen leider nicht die langfristige Lösung gewesen. Aus diesem Grund finde ich HyCoffee ein sehr unterstützenswertes Projekt, das hoffentlich viele zum Nachdenken und Nachahmen anregt. 

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