Holm Kaffee – die kleine skandinavische Kaffee-Insel in Frechen

Nach fast einem Jahr “Jules’ Coffee Blog” hatte ich das erste Mal die Gelegenheit einen Röster in seiner Rösterei zu interviewen. Das war ein richtiges Highlight. Nicht nur weil ich mit leckerem Kaffee versorgt wurde, sondern auch, weil ich sehr viel lernen durfte. Unternehmensgründung, Schlupflöcher beim Fairtrade-Prinzip und skandinavischer Spezialitätenkaffee waren nur einige der Themen. Aber lest selbst:

Jules: Danke Philipp, dass ich dich heute in eurer Rösterei besuchen darf. Richtig schön, endlich mal ein Interview im passenden Ambiente führen zu dürfen. Freu mich sehr. Magst du erstmal von dir, deinem Mitgründer Nils und von Holm erzählen?

Philipp: Ja gerne. Nils und ich haben uns bei Van Dyck kennen gelernt. Er hat dort ungefähr ein Jahr gearbeitet, ich etwas länger. Während des Studiums habe ich auch schon im Café Bauturm auf der Aachener Straße gearbeitet. Das war mein erster Schritt in den Bereich und ich hab mit der Zeit immer mehr Spaß am Kaffee bekommen. Bei Van Dyck kam ich dann auch mit dem Rösten in Kontakt. Und den letzten Schubser in die Richtung hat mir schließlich ein Event von Quijote gegeben. Sie hatten zu einem deutschlandweiten Röstertreffen eingeladen. Im Vorhinein haben alle Teilnehmer denselben Kaffee zugeschickt bekommen, haben diesen geröstet und bei der Veranstaltung wurde er dann gemeinsam verkostet und diskutiert. Bei Quijote habe ich auch sehr viel zum Thema Kaffeehandel, Preise und Transparenz erfahren. Sie sind in Deutschland einer der Vorreiter was direct trade angeht und bei ihnen alles aus erster Hand zu erfahren war spannend und augenöffnend. 

Mein Mitgründer Nils kommt aus Solingen, ist gelernter Koch und Lebensmitteltechniker. Bei Van Dyck hat er den Bereich Lager, Logistik und Versand neu strukturiert, aber nach kurzer Zeit hat er dann auch angefangen zu rösten. 

Nils und Philipp von Holm Kaffee

Jules: Cool und wie ging’s dann weiter? Wie viel Zeit lag zwischen der Idee von der eigenen Rösterei und der Umsetzung?

Philipp: Im Juni 2018 haben wir uns das erste Mal darüber unterhalten, im August und September haben wir Business Pläne geschrieben und vieles organisiert, im Oktober haben wir schließlich unseren ersten Robusta bestellt. Man muss dazu sagen, dieser kommt nur einmal im Jahr und deswegen musste das noch vor der eigentlichen Firmengründung passieren. Im Januar haben wir den Mietvertrag für unsere Fläche hier unterschrieben und ab März 2019 begann der Umbau und Ende August ging es dann offiziell los.

Jules: Das ging ja alles recht zügig. Sehr cool. Ich würde gerne noch mehr über das Quijote Röstertreffen erfahren. Das war der Moment für dich, wo du entschieden hast, du möchtest dich gern damit selbstständig machen, richtig?

Philipp: Absolut. Und das hat auch maßgeblich unsere Sichtweise beeinflusst. Deswegen war von Anfang an klar, dass wir bei unserem Kaffee keine halben Sachen machen möchten, sondern alle Faktoren berücksichtigen werden. Das heisst, egal ob vernünftiger Anbau, gute Bezahlung oder lange Handelsbeziehungen – alle Aspekte sind für uns relevant. Manche widmen sich dem Thema etwas halbherziger und haben dann vielleicht einen teureren Kaffee im Programm, der gewisse Zertifikate trägt. Dabei gibt es aber viele Schlupflöcher. Und deswegen kamen für uns nur zwei Konzepte für den Rohkaffee Einkauf in Frage: Entweder Quijote oder Roasters United. In Sachen Finanzen und Handelsbeziehungen mit den Farmern unterscheiden sich die  beiden kaum. Quijote war auch ein Gründungsmitglied von Roasters United. Wir haben uns dann letztendlich für Roasters United entschieden, da wir dort als aktiver Partner agieren können.

Jules: Inwiefern? Also was genau ist der Unterschied zwischen Quijote und Roasters United?

Philipp: Quijote ist eine Rösterei. Sie importieren Kaffee und du kannst im Prinzip einfach mitbestellen. Roasters United hingegen ist ein Zusammenschluss aus 16 Röstereien europaweit. Ursprünglich als Verein gegründet, sind sie mittlerweile eine Firma. Jeder übernimmt verschiedene Aufgaben und Anbaugebiete. Flying Roasters aus Berlin kümmern sich zum Beispiel um den Bereich Honduras und Guatemala und Florent von Esperanza Café pflegt die Kontakte nach Sumatru, Kolumbien, Peru und Äthiopien. Normalerweise finden auch jährlich zur Erntezeit Reisen in die entsprechenden Gebiete statt, um sich vor Ort auszutauschen oder zum Beispiel zu sehen, wie soziale Projekte vorangehen. Es ist echt klasse wie Roasters United wächst und immer mehr Röster dazu stoßen.

Mir war es wichtig, dass ich meinen Lebensunterhalt auf einem Konzept aufbaue, dass ich vertreten kann und dazu gehört sicher zu wissen, dass wir einen angemessenen Preis für unseren Kaffee zahlen. Ich freue mich auch, dass das für viele Leute mittlerweile zum Thema geworden ist und immer wichtiger wird. Noch viel mehr freue ich mich aber darüber, wenn ich irgendwann in Peru oder Honduras zu Gast sein darf und sehen kann, dass es den Kooperativen gut geht, weil sie seit 5 Jahren die gleichen Abnehmer haben, die gerne gut bezahlen. Und das führt letztendlich dazu, dass sie gute Qualität anbieten und langfristiger denken können.

Perfekte Umgebung für ein Kaffee-Interview: Die Kaffeerösterei Holm in Frechen

Jules: Du hast es eingangs erwähnt: Zertifikate und Label. Wie stehst du zu dem Thema?

Philipp: Ich denke sie haben ihre Berechtigung. In erster Linie haben sie sehr viel sensibilisiert. Vor allem Fairtrade hat viel bewegt. Der Mindestpreis ist klar definiert und ganz transparent einzusehen. Wie alles hat aber auch dieses Konzept seine Schwachstellen. Man muss nämlich zwischen den Qualitätsstufen unterscheiden. Wenn wir zum Beispiel den Fairtrade Preis zahlen würden, wäre das ein Minusgeschäft für die Kooperativen. Bis zu einer Punktzahl von 80 ist es machbar, aber im Specialty Coffee Bereich funktioniert es nicht mehr.

Zudem gibt es leider einige Schlupflöcher wenn große Mengen abgenommen werden. Das passiert wenn konventioneller Kaffee zeitgleich mit Fairtrade Kaffee eingekauft wird. Der Importeur handelt dabei einen Rabatt auf den konventionellen Kaffee, in der Höhe der Differenz zum Fairtrade Preis, aus. Damit geht der Effekt leider verloren.

(Anmerkung: Fairtrade hat am 19.07 seinen Kaffee-Standard erneuert und geht jetzt unter anderem exakt diese Thematik an. Wie die Umsetzung erfolgen wird und ob damit alle Schlupflöcher geschlossen werden können wird sich zeigen)

Ich denke Fairtrade hat eine tolle Basis dafür geschaffen was jetzt passiert, aber ist ganz klar nicht das finale Konzept, welches die aktuellen Probleme beseitigt. 

Jules: Ja und wahrscheinlich ist auch genau das der springende Punkt. Die Themen sollten verknüpft werden. Denn wenn man sich für Kaffee interessiert und seine Vielfalt und Qualitätsunterschiede schmeckt, dann wird auch dem Thema Preis mehr Beachtung geschenkt.

Philipp: Deswegen ist es so wichtig, dass wir als Röster informieren und zwar nicht nur über Preis und Qualität sondern auch die Langfristigkeit und Intensität unserer Handelsbeziehungen. 

Jules: Was glaubst du, wo sich das Thema hinentwickeln wird?

Philipp: Auf dem Spezialitätenmarkt geht der Trend ganz klar hin zu Transparenz und dem Offenlegen der Einkaufspreise. Zudem wächst der Markt. Ob direct trade in dem Sinne auch so stark wachsen wird, kann ich nicht sagen. Es wäre schön, aber wenn man Volumen in die Sache bekommen möchte, müsste man es theoretisch mit einem Siegel machen. Dafür bräuchtest du eine unabhängige Institution, die es prüft, wie auch bei den aktuell vorhandenen Siegeln. Bis es etabliert wird, würden einige Jahre verstreichen.

Jules: Und zudem müssten die Personen es eigentlich ehrenamtlich machen, damit ihnen niemand vorwerfen kann, dass das Siegel “einfach” erkauft wurde.

Philipp: Richtig. Andererseits, könnten wir auch in die Tabelle auf unserer Website theoretisch reinschreiben was wir wollen. Du verstehst, wie ich das meine – Vertrauen spielt bei der Sache einfach eine wichtige Rolle. Ich hoffe, dass es weiter in diese Richtung geht und es normal wird, dass vernünftige Preise gezahlt und offen gelegt werden. Natürlich ist das auch nicht immer einfach. 28 Euro pro Kilo klingt recht viel, aber die Marge ist geringer als man denken würde und es bindet sehr viel Kapital, da man zum Beispiel ein halbes Jahr vorher den Kaffee zahlt. Der Kunde oder die Kundin muss letztendlich entscheiden und wenn jemand keinen direkten Bezug zum Kaffee hat, wird er oder sie den Preis wahrscheinlich nicht zahlen wollen. Von daher wird es sicherlich noch dauern. Aber jeder einzelne Sack zählt und treibt die Sache voran.

„Jeder einzelne Sack zählt“ So kitschig es klingen machen so wahr ist es doch im Kern der Aussage

Jules: Absolut. Und wie sieht es dieses Jahr aus mit einer Reise für euch in die Anbaugebiete?

Philipp: Ich denke das wird dieses Jahr noch nichts. Wir hatten zwar ein bisschen damit geliebäugelt im Herbst vielleicht nach Peru und Kolumbien zu fliegen. Aber warten wir erst mal ab. Zu den Kooperativen bestehen ja glücklicherweise schon längere Beziehungen und können aktuell auch gut über Videocalls aufrecht erhalten werden.

Jules: Super, dass das geht. Die Pandemie so kurz nach eurer Gründung war sicherlich auch eine Herausforderung. Was würdest du denn sagen, war oder ist die größte Challenge bei euch?

Philipp: Gute Frage. Ich glaube die größte Herausforderung ist, dass wir alles zu zweit machen. Das heisst wir müssen sehr viele Dinge gleichzeitig machen. Und dabei muss man dann aufpassen, dass man nicht anfängt Sachen halbherzig zu erledigen. Im Prinzip muss man immer wieder neu priorisieren zwischen cuppen, rösten, Schulungen für Gastronomen vorbereiten, eintüten, Website auf Stand halten uvm. Jetzt im Sommer wird es wieder entspannter, da man sichere Gastronomie Abnahmen hat und entsprechend die Rösttage planen kann. Dennoch ist immer sehr viel zu tun.

Jules: Habt ihr eine klare Aufteilung der Aufgaben zwischen euch beiden? 

Philipp: Das hat sich relativ natürlich ergeben, aber es ist nicht klar definiert. Nils kümmert sich zum Beispiel um die Buchhaltung und kommuniziert mit unserem Steuerberater. Ich pflege unsere Website und den Online Shop. Das neue Tütendesign haben wir gemeinsam in Zusammenarbeit mit unserem Fotograf und Designer Thomas Wiuf gemacht.

Jules: Oh die gefällt mir, sieht sehr schön aus. Ich mag den Look.

Philipp: Danke. Gefällt uns auch gut, ist noch skandinavischer als was wir zuvor hatten und passt deswegen noch besser zu uns. Wir sind beide Skandi-Fans und haben uns von Anfang an an dem Stil orientiert. Also nicht nur wegen des schlichten Designs, sondern vor allem im Spezialitätenkaffee sind die Skandinavier unser Vorbild: Helle Röstungen, Pioniere im Direct Trade und Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit ganz im allgemeinen. 

Das aktuelle Tütendesign wird im Herbst abgelöst. Ich durfte schon einen Blick erhaschen. Bleibt gespannt!

Jules: Ja, das stimmt. Sehr cooles Vorbild. Dann würde ich dich zum Abschluss gern noch fragen, welcher dein Lieblingskaffee ist und wie du ihn am liebsten trinkst?

Philipp: Schwer zu sagen, das wechselt ständig. Ich trinke aber sehr gerne Filterkaffee, tendenziell fruchtig. Aktuell mag ich den Sörensen sehr gerne, das ist ein Natural aus Äthiopien. Ansonsten trink ich morgens meistens einen Flat White mit Hafermilch, sowohl mit fruchtigen als auch mal mit dunkleren Röstungen. Wie gesagt, ich kann mich nicht wirklich festlegen. 

Jules: Das brauchst du auch gar nicht. Vielen lieben Dank für das Interview, Philipp! 

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