Raus aus dem Schilderwald – was du über Siegel beim Kaffee Kauf wissen musst

Jeder kennt sie, die zahlreichen kleinen Siegel und Label auf allen Produkten, die wir heutzutage erwerben können. Bio, demeter, naturland, FairTrade, Rainforest Alliance – um nur einige zu nennen. Der Zweck dieser Label ist uns die Kaufentscheidung zu erleichtern. Dennoch führen sie oft leider zur Verwirrung und die wenigsten haben Muße sich damit auseinanderzusetzen und die Aussage hinter den einzelnen Siegeln zu recherchieren.

Wie gut, dass ich das jetzt mal gemacht habe 😉

Allerdings nur für mein Lieblingsthema Kaffee. Aber ich habe auch einen allgemeinen Tipp für euch, der lautet Label online.

Hier könnt ihr jedes Label oder Siegel suchen und Hintergrundinfos inkl. einer Bewertung dazu finden. Das Portal weckt Vertrauen, da es sich bereits seit 2000 mit dieser Thematik beschäftigt und vom Bundesumweltministeriums, vom Umweltbundesamt und vom Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft initiiert und gefördert wurde. Verschiedene Interessengruppen sind an diesem Projekt beteiligt, darunter NGOs wie Greenpeace oder der Deutsche Tierschutzbund, genauso auch große Konzerne wie z.B. REWE oder Nestlé. 

Das sollte man also im Kopf haben, wenn man sich an den Bewertungen von Label Online orientiert, aber an sich finde ich es klasse, dass es eine Datenbank gibt, wo man per Knopfdruck alle Infos zu einem Siegel erhält.

Gar nicht so einfach bei den Labeln durchzublicken, das Thema erfordert ein wenig Recherche

So genug Vorgeplänkel, kommen wir mal zur Sache. Mit welchen Labeln hab ich mich denn nun beschäftigt? Beim Thema Kaffee sind zwei Kategorien zu berücksichtigen. Zum einen die Bio Label, die sich damit beschäftigen welchen Einfluss der Anbau auf die Umwelt hat und zum anderen das Fair Trade Label, das den Einfluss des Handels auf die Lebensumstände der Beteiligten beleuchtet. 

Meiner Meinung nach muss man sich beide Themenbereiche anschauen, denn wie so vieles heutzutage, sind sie eng miteinander verknüpft. Stark vereinfacht kann man es so ausdrücken: Kaffeeanbau mit intensivem Einsatz von chemischen Pestiziden schadet der Umwelt und begünstigt damit den Klimawandel. Die Folgen des Klimawandels bekommen die Menschen, die im Kaffeegürtel leben, mit als erstes zu spüren. Und was hat das jetzt mit dir zu tun? Wenn der Klimawandel fortschreitet und die Anbaubedingungen für die Kaffeepflanze kaum noch gegeben sein werden, wird Kaffee sehr teuer werden. Also falls dir jetzt Bio oder Fair Trade Kaffee zu teuer ist, wirst du in Zukunft wohl auf ein anderes Getränk umsteigen müssen.

Ok, zugegeben –  worst case scenario. Denn ich gehöre ganz klar zur Fraktion der Optimisten und Hoffnungsvollen, die daran glauben, dass wir etwas verändern können. Fangen wir doch damit an guten Kaffee zu kaufen. Los geht’s!

Latte Art ist heutzutage Standard in der Kaffeeszene, aber wie sieht es mit den Anbaubedingungen aus?

Bio Label

Das bekannteste aller Bio-Siegel ist für uns in Deutschland das EU Bio-Siegel. Das Logo zeigt weiße Sterne, angeordnet in der Form eines Blattes auf hellgrünem Hintergrund. Bereits vor über 10 Jahren (2010) wurde sich innerhalb der EU auf Richtlinien, die das Tragen dieses Siegels ermöglichen, geeinigt. Es gibt entsprechende Kontrollstellen, die die Einhaltung der Richtlinien sicherstellen. 

Aber wie kommt das EU Bio-Siegel auf Kaffee, der nun ja bekannterweise nirgends in der EU angebaut werden kann? Das liegt daran, dass das Logo auch für importierte Produkte genutzt werden kann, wenn diese den EU-Vorschriften für die Einfuhr von Bio-Produkten entsprechen.

Welche Vorschriften sind das?

  1. Anbau in Mischkulturen

Die Kaffeepflanze braucht von Natur aus Schatten und wächst ursprünglich inmitten vieler anderer meist größerer Pflanzen und Bäume wie zum Beispiel: Kakao, Bananen oder Avocado. Um die gesamte Anbaufläche auszuschöpfen wurde begonnen in sogenannten Monokulturen anzubauen, sprich ausschließlich Kaffeepflanzen. Dies geht aber zu Lasten der Biodiversität. Das bedeutet es führt zum Aussterben anderer Pflanzen und sogar Tiere, da Wälder abgeholzt werden und der Boden ausgelaugt wird. Bio Kaffee muss also in Mischkulturen angebaut werden, um all diesen Schaden für die Umwelt zu vermeiden.

  1. Natürlicher Dünger

Bio-Kaffee verzichtet auf chemischen Pflanzenschutzmittel. In Mischkulturen weichen viele der  Schädlinge auf die anderen Pflanzen in der Umgebung aus. Die restlichen können mit natürlichem Dünger wie zum Beispiel Kaffeekirschensatz bekämpft werden.

  1. Handgepflückt

Kaffeekirschen haben nie zum selben Zeitpunkt den gleichen Reifegrad. Bei konventionellem Kaffee kommen Erntemaschinen zum Einsatz die den gesamten Kaffeestrauch abstreifen, mitsamt Blättern und Ästen. Danach werden die Kirschen mit geeignetem Reifegrad aussortiert. Die anderen sind unbrauchbar. Diese Methode ist verschwenderisch und beschädigt die Kaffeepflanze. Deswegen wird Bio-Kaffee von Hand gepflückt. Hierbei wird jede einzelne Kaffeekirschen zum richtigen Zeitpunkt geerntet. 

Super, dann ist ja alles klar: Ab jetzt Bio-Kaffee kaufen und die Umwelt schützen. Ja im Prinzip schon, aber folgendes solltest du auch noch wissen:

Bei Kaffee wird die gesamte Lieferkette unter die Lupe genommen. Das bedeutet im ersten Schritt muss der Kaffeebauer bzw. die Kooperative im Ursprungsland bio-zertifiziert werden. Dies kostet ihn ca. 3000 € – 4000 €. Bio-zertifizierter Kaffee kann dann für 0,60 € mehr pro Kilogramm verkauft werden. Wenn der Käufer diesen Aufpreis zahlt, kann er das Siegel auf sein fertiges Produkt, also den gerösteten Kaffee, anwenden. Allerdings nur wenn der Röster ebenfalls zertifiziert ist. Der Röster zahlt in Deutschland ca. 1000 € für die Zertifizierung.

Der Bio-Kaffeebauer kann aber nicht seinen gesamten Kaffee zum Bio-Preis verkaufen (auch wenn sein gesamter Kaffee diese Qualität hat). Das liegt daran, dass es für Abnehmer aus Nicht-EU-Ländern wenig Sinn macht, das europäische Bio-Logo mit zu kaufen. Sie können es nicht für sich nutzen und sind damit nicht in der Lage den Aufpreis, den sie gezahlt haben an den Endkunden weiter zu geben.

Aus diesem Grund (oder auch generell) können oder möchten sich manche Kaffeebauern die Bio-Zertifizierung schlichtweg nicht leisten, obwohl sie alle Kriterien erfüllen. Wenn du also wissen möchtest, ob ein Kaffee biologisch angebaut wurde, ohne dass er das Siegel trägt, musst du dich beim Röster erkundigen. Viele Röster wissen mittlerweile genau wo und wie ihre Kaffeebohnen angebaut wurden, da sie oft einen Direct Trade Ansatz verfolgen. Schauen wir uns aber vorher mal das Fair Trade Siegel an.

Eine Kaffeepflanze angebaut in einer Mischkultur in Honduras (Foto von Doña Victoria Kaffee)

Fair Trade

Das wohl bekannteste Siegel für gerechten Handel ist das internationale Fair Trade Label mit einem halb blauen, halb grünen Kreis und einer personenartigen Form in der Mitte. Fair Trade setzt sich für gerechte Bezahlung von Bauern und Bäuerinnen weltweit ein. Die Bewegung geht historisch bis in die 1950er Jahre zurück. Ab den 1980er Jahren wurde in vielen Ländern ähnliche, aber unabhängig voneinander Siegel vergeben. Organisationen aus den Niederlanden, Deutschland, Finnland und weiteren Ländern schlossen sich 1997 zu Fair Trade International zusammen, welches die Fair Trade Standards festlegt: 

“…Ein Regelwerk, das Kleinbauernorganisationen, Plantagen und Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette einhalten müssen und Handel(n) verändert. Sie umfassen soziale, ökologische und ökonomische Kriterien, um eine nachhaltige Entwicklung der Produzentenorganisationen in den Entwicklungs- und Schwellenländern zu gewährleisten. Die Fairtrade-Standards beziehen sich dabei unter anderem auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und eine Vielzahl internationaler Abkommen und bringen diese in die Form konkreter, überprüfbarer Kriterien.”*

Fair Trade International legt den Mindestpreis für Kaffee fest. Den könnt ihr übrigens hier einsehen.

Es gibt unterschiedliche Preise für Arabica und Robusta, so wie für “natural” oder “washed”. Zudem gibt es 0,30 USD mehr pro Pfund Bio Kaffee. Fair Trade wird oft für seinen Mindestpreis bei Kaffee kritisiert, da dieser nur knapp über dem Börsenpreis liegt und dieser ist leider schon lange im Keller und nicht mehr kostendeckend, geschweige denn lohnenswert für Kaffeefarmer.

(Beispiel Stand 10.03.2021: Rohkaffee Börsenpreis: 1,29 USD pro Pfund**, Fair Trade: 1,35 USD für konventionellen Arabica, natural)

Warum ist Fair Trade dennoch unterstützenswert?

Fair Trade setzt nicht nur den Mindestpreis fest sondern auch eine Prämie für die Kooperativen, die sich dem Fair Trade System anschließen. Die zugehörigen Kaffeebauern entscheiden dann gemeinschaftlich wie die Prämie investiert wird. Sie kann zur Förderung des nachhaltigen Anbaus genutzt werden oder für lokale Projekte wie zum Beispiel die Renovierung der örtlichen Schule. Im Jahr 2020 wurde die Prämie oft dafür eingesetzt, um den größten Nöten bedingt durch die weltweite Corona Krise kurzfristig zu begegnen.

Außerdem erhalten manche Produzenten das erste Mal Zugang zu Exportmärkten und können sich langfristige Handelsbeziehungen aufbauen. Diese ermöglichen oftmals auch eine Ernte vorfinanzieren zu lassen.***

Von der Kirsche zur gerösteten Bohne ist es ein langer Weg, oftmals mit vielen Beteiligten

Direct Trade

Wer sich ein wenig mit Specialty Coffee auseinandersetzt, dem begegnet schnell der Begriff: Direct Trade oder direkter Handel. Er beschreibt ein Konzept, das keinen internationalen Standards oder einem festgelegten Regelwerk unterliegt. Jeder Kaffeeröster, der seinen Kaffee als “direct trade” betitelt hat seine eigene Definition

Der Direct Trade Preis liegt über dem Fair Trade Mindestpreis, manchmal zahlen Direct Trade Kaffeeröster das doppelte oder sogar dreifache. Dies ermöglichen sie sich dadurch, dass sie zum einen die Zwischenhändler weglassen und wie der Name schon sagt, direkt mit dem Kaffeefarmer die Handelsbeziehungen abschließen und zum anderen, weil sie sich im Specialty Coffee Segment bewegen und hier auch deutlich höhere Preise beim Endverbraucher abrufen können.

Der Begriff bleibt aber aktuell noch ungeschützt und wird von keiner unabhängigen Organisation geprüft. Es gilt also ehrliche Aussagen von Marketingversprechen zu unterscheiden. Deswegen bieten einige Kaffeeröster ihren Kunden völlige Transparenz und veröffentlichen die Preise, die sie beim Einkauf von Rohkaffee zahlen.

Außerdem setzen Kaffeeröster, die sich dem direkten Handel verschrieben haben auf langfristige und vertrauensvolle Beziehungen mit den Kooperativen. Das ermöglicht diesen finanzielle Stabilität, da auch zum Beispiel Ernten vorfinanziert werden können.

Damit ihr auch ein Bild zu der persönlichen Meinung habt, die nun folgt 😉

Meine persönliche Meinung

Zum Abschluss möchte ich euch natürlich auch meine persönliche Meinung zu diesem umstrittenen Thema nicht vorenthalten. Ich denke Direct Trade ist das Modell, dass tatsächlich am fairsten ist und Kaffeefarmern das größte Entwicklungspotential und langfristig die größte wirtschaftliche Stabilität bietet.

Gleichzeitig ist es aber auch das Modell, das nicht für alle Röster in Frage kommt. Ohne Zwischenhändler sind Reisen in die Anbauländer und eine enge Kontaktpflege notwendig und das ist natürlich besonders zeit- und kostenintensiv.

In einer perfekten Welt sollte dies in Kauf genommen werden, um das Wohl aller zu gewährleisten. Dem ist natürlich nicht so, aber gleichzeitig finde ich es fantastisch, dass immer mehr Röster diesen Weg einschlagen und ihre Kaffeepartner persönlich kennen. Mit einigen durfte ich Interviews führen, die ihr hier auf meinem Blog findet.

Der Ansatz von Fair Trade – einer großen internationalen Organisation – finde ich aber auch wichtig. In ihrem Netzwerk arbeiten 1,7 Millionen Kleinbauern- und bäuerinnen und damit ist ihr Impact riesig. Zudem tragen Sie durch ihre Kommunikationsarbeit zu einem Umdenken in der Gesellschaft bei. Es wäre ideal, wenn Fair Trade sich mehr vom Börsenpreis lösen und den Mindestpreis anheben könnte.

Ich finde es spannend Fair Trade und Direct Trade zu vergleichen und auch darüber zu diskutieren, aber seien wir mal ehrlich: Wie wärs wenn wir erstmal dafür sorgen, dass es nur noch diese beiden Varianten gibt und “konventioneller” Kaffeehandel komplett ausstirbt? Das wäre doch schon mal ein riesiger erster Schritt in die richtige Richtung, oder?
Und dann können wir uns von da weiterentwickeln und den Kaffeehandel noch besser für alle Beteiligten gestalten.

Wie seht ihr das?

*Quelle: https://www.fairtrade-deutschland.de/was-ist-fairtrade/fairtrade-standards

**Quelle: https://www.finanzen.net/rohstoffe/kaffeepreis

***Quelle: https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/umwelt-haushalt/wohnen/fairer-handel-einkauf-mit-gutem-gewissen-7067

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